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WAS GIBT ES NEUES?

Schlafqualität bei Krebs

Guter Schlaf – wichtig bei einer Krebserkrankung

Ungefähr jeder dritte Krebspatient leidet unter Schlafstörungen. Die Gründe sind vielfältig. Hierzu gehören nicht nur körperliche Symptome wie Schmerzen oder Bluthochdruck. Auch seelische Nöte können den Schlaf rauben. Beispielsweise fürchten viele Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs die Entwicklung von Metastasen – eine Komplikation, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen kann. Dieser Beitrag vermittelt, wie Schlafstörungen entstehen und was dagegen helfen kann.

Guter Schlaf - wichtig bei einer Krebserkrankung

Es fühlt sich an, als hätte man Superkräfte und könnte die ganze Welt erobern, so beschriebt Guy Meadows (Schlafphysiologe, Mitgründer der Sleep School in London und dort klinischer Direktor) einen ausgeschlafenen Menschen. Das ist noch nicht alles: Ausgeschlafen zu sein, hilft dabei, sich zu konzentrieren und ohne große Anstrengung Probleme zu lösen. Außerdem verfügen ausgeschlafene Menschen über mehr Energie und sind zufriedener und leidenschaftlicher. Der Tag verläuft besser. Das Problem: Viele Menschen wissen nicht, wie es sich anfühlt, ausgeschlafen zu sein. Laut Meadows, der in England forscht, wachen dort nur ein Prozent der jungen Erwachsenen morgens gut erholt auf.1

Wie viel Schlaf gilt als „normal“?

Jeder Mensch braucht unterschiedlich viel Schlaf, um erholt aufzuwachen. Ingo Fietze (Oberarzt für Innere Medizin und als Schlafforscher Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité) erklärt, dass ein Normalschläfer zwischen sieben und acht Stunden Schlaf braucht. Dabei handelt es sich um den sogenannte Wohlfühlschlaf. Dieser gilt am gesündesten. Allerdings schlafen manche Menschen weniger als sechs Stunden, diese Gruppe bildet eine Ausnahme und wird als Kurzschläfer bezeichnet. Kurzschläfer schlafen zwischen fünf und sechs Stunden pro Nacht – völlig unabhängig davon, ob sie zur Arbeit müssen oder am Wochenende eigentlich ausschlafen könnten. Ein „echter“ Kurzschläfer fühlt sich tagsüber weder müde, noch hat er das Bedürfnis, ein Nickerchen zu machen. Dann gibt es noch eine dritte Gruppe, das sind die Langschläfer. Sie benötigen zwischen neun und neuneinhalb Stunden Schlaf.2

Ein paar Tage schlecht geschlafen – ist das schon ein Problem?

Ganz wichtig, gelassen bleiben und sich nicht zu viel Sorgen machen: Denn, grundsätzlich ist es möglich, ein paar Nächte lang oder über einen bestimmten Zeitraum schlecht zu schlafen. Das kommt beispielsweise vor, wenn eine neue Aufgabe oder Herausforderung ins Leben tritt.2

Kritischer wird es, wenn Menschen über einen längeren Zeitraum schlecht schlafen. Sehr häufig ist die Insomnie (Schlaflosigkeit-Syndrom), definiert durch mehr als dreimal in der Woche über einen Monat hinweg auftretende Schlafstörungen. Dazu gehören Einschlafschwierigkeiten, längeres nächtliches Wachliegen und zu frühes Aufwachen.3

Wenn Krebspatienten schlecht schlafen

Rund zwei Drittel der Krebspatienten klagen über Schlafstörungen. Das ergab eine Umfrage mit 107 Tumorpatienten. Schlafen Patienten mit Krebs schlecht, kann das ihre Lebensqualität stark beeinträchtigen. Krebspatienten leiden sogar dann unter Schlafstörungen, wenn sie sich in einer Phase befinden, in denen die Krankheitssymptome nachlassen und es ihnen körperlich besser geht – die Schlafstörungen sind dabei vor allem mit Schmerzen und Depressionen assoziiert.4

Beachtenswert sind auch die "nächtlichen Grübeleien". Hiervon können beispielsweise Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs betroffen sein, die nachts wach liegen und die Entwicklung von Metastasen fürchten. Diese Komplikation kann die Lebensqualität beeinträchtigen, da sie mit Stress, Ängsten und Schmerzen einhergehen kann.5

Viele Patienten machen sich auch Sorgen um ihre Familie oder ihre finanzielle Situation. Hier können eine psychoonkologische Betreuung oder eine Sozialberatung Unterstützung bieten.4

Patienten, die schlecht schlafen, sollten die Situation mit ihrem Arzt besprechen. So hilft es einigen Patienten, wenn bestimmte Medikamente zu einer bestimmten Tageszeit verabreicht werden. Beispielsweise kann die Hauptdosis von Schmerzmitteln auf den Abend verlegt werden, damit der Patient nachts möglichst schmerzfrei Schlaf findet. Außerdem sollten Patienten abends keine Medikamente einnehmen, die anregend wirken. Ebenso ungeeignet ist es, Alkohol als „Schlaftrunk“ einzusetzen. Alkohol wirkt zwar dämpfend und angstlindernd, doch stört er die Schlafqualität.4

Eine medikamentöse Therapie sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn eine psychoonkologische Betreuung nicht greift beziehunsgweise die Ursache der Schlafstörung nicht geklärt werden konnte. In dieser Situation kann der Arzt dem Patienten vorübergehend schlaffördernde Medikamente verschreiben. Diese unterstützen dabei, aus dem Kreislauf von Schlaflosigkeit und der tagtäglichen Beeinträchtigung, wie Konzentrationsschwäche und Tagesmüdigkeit, herauszukommen.3

Lichttherapie kann helfen

Laut neueren Studien kann eine Lichttherapie nicht nur die Schlafdauer, sondern auch die Schlafqualität verbessern. Die Therapie kann relativ leicht angewendet werden: Jeden Morgen setzt sich der Patient für 30 Minuten vor eine Lichtbox. Das Licht spielt für die innere Uhr eine wesentliche Rolle. Es regt die Rezeptoren der Netzhaut an, diese leitet die Informationen weiter und steuert auf diese Weise den Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Lichttherapie erweist sich bereits bei gesunden Menschen als erfolgreich und scheint ebenso gut für Krebspatienten geeignet.3

Auf dem amerikanischen Krebskongress 2018 wurde eine aufschlussreiche Studie vorgestellt, die die Wirkung von Akupunktur und der kognitiven Verhaltenstherapie verglich. Das Ergebnis zeigte, dass sowohl Akupunktur als auch die Verhaltenstherapie in etwa gleich gut wirken. Lediglich bei Patienten, die nur über leichte Schlafstörungen berichteten, war die kognitive Verhaltenstherapie erfolgreicher als Akupunktur. Bei starken Schlafstörungen gab es nahezu keinen Unterschied. Beide Therapien verbesserten zudem die Lebensqualität der Patienten deutlich. Hinzu kommt, dass sowohl Akupunktur als auch kognitive Verhaltenstherapie dauerhaft wirken und deshalb einen deutlichen Vorteil gegenüber der medikamentösen Therapie zeigten.3

Allgemeine Tipps für Zuhause

Im Wesentlichen gelten für Krebspatienten dieselben Schlafempfehlungen wie für Gesunde: So sollte das Schlafzimmer dunkel und ruhig sein. Die optimale Schlafzimmertemperatur beträgt 18 Grad. Im Idealfall sollte das Schlafzimmer nur zum Schlafen benutzt werden und nicht zusätzlich als Fernseh- oder Arbeitsraum dienen. Auf Alkohol, Kaffee, kohlenhydrathaltiges Essen und Rauchen in den Stunden vor dem Zubettgehen zu verzichten, kann den Schlaf ebenfalls unterstützen.3

Zu viel Licht am Abend sendet dem Körper falsche Signale. Die Folge: Das Schlafhormon Melatonin wird nicht in ausreichender Menge ausgeschüttet, das Einschlafen fällt schwer. Aus diesem Grund heißt es, Smartphone oder Tablet längere Zeit vor dem Zubettgehen zur Seite zu legen, das gilt auch für den Fernseher.3

Kleine Rituale am Abend können den Schlaf unterstützen: Das kann beispielsweise eine Wärmflasche sein, oder Atem- beziehungsweise Entspannungsübungen. Werden die Einschlafrituale immer zur gleichen Zeit durchgeführt, kann sich die innere Uhr darauf einstellen.3,4



Literatur


1.„Die Menschen haben vergessen, wie es sich anfühlt, erholt aufzuwachen“, Interview von Nora Schareika mit dem Schlafphysiologen Guy Meadows, Wirtschaftswoche, 5. Dezmber 2019

2. „Schon einmal weniger als sechs Stunden Schlafen kann Folgen haben“, Interview von Matthias Rutkowski mit dem Schlafmediziner Ingo Fietze, Wirtschaftswoche, 18. September 2019

3. Schlafstörungen bei Krebspatienten, Deutsche Krebsgesellschaft

4. Was hilft, wenn der Krebspatient nicht schlafen kann?, Ärzte Zeitung, 5. Mai 2017

5. Goh P et al (2007) New multidisciplinary prostate bone metastases clinic: first of its kind in Canada. Curr Oncol 14(1):9–12