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Depressionen bei einer Krebserkrankung meistern

Depressionen bei einer Krebserkrankung meistern

Eine Depression gehört zu den häufigsten und schwerwiegendsten Begleiterkrankungen von Krebspatienten. Je nach Art der Krebserkrankung ist jeder 8. bis 24. Patient betroffen.1 Eine Depression kann Menschen mit Krebs stark belasten, den Verlauf der Krankheit und auch ihre Lebensqualität beeinträchtigen. Wir zeigen Ihnen, woran Ärzte eine Depression erkennen und wie Psychoonkologen bzw. Psychologen betroffene Patienten unterstützen können.

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Auch wenn Ärzten heute immer bessere Therapien zur Verfügung stehen und die Heilungschancen steigen, ist die Diagnose Krebs für die meisten Menschen ein Schock. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Fragen, Ängste, Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins belasten die Patienten. Hinzu kommen bevorstehende Therapien, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele fordern. Wie jeder Einzelne auf die neuen Herausforderungen reagiert, lässt sich nur schwer vorherzusagen.2

Im Laufe einer Krebserkrankung kann es immer wieder zu Phasen kommen, in denen die Patienten Traurigkeit erleben, verzweifelt sind oder sich mutlos fühlen. Die Zeiten, in denen es den Patienten nicht gut geht, hängen auch von der Art der Krebserkrankung und dem Therapieverlauf ab.2,3 Nicht zu unterschätzen ist, dass Patienten mit Prostatakrebs oftmals die Entfernung ihrer Prostata und mögliche Nebenwirkungen wie Impotenz und Inkontinenz psychisch verarbeiten müssen. Das veränderte Körperbild kann Angst- und Schamgefühle mit sich bringen. Viele Männer haben das Gefühl, sexuell nicht mehr attraktiv zu sein und ziehen sich in der Partnerschaft zurück.2 Patienten mit Prostatakrebs können auch Ängste vor dem Voranschreiten der Erkrankung und damit z.B. der Entstehung von Knochenmetastasen entwickeln, da diese häufig mit Symtomen und einer Verschlechterung der Lebensqualität einhergehen.4

Negative Gefühle wie Angst oder Traurigkeit sind im Laufe einer Krebserkrankung zunächst einmal normal. Sie beziehen sich meist auf verschiedene Lebens-bereiche. Manche Patienten haben Angst davor, sozial isoliert zu sein, andere fürchten finanzielle Probleme oder das Scheitern ihrer Beziehung. Traurigkeit und Sorgen können sich auch anhand von körperlichen und seelischen Beschwerden äußern. Hierzu gehören Symptome wie Herzrasen, Nervosität, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen oder das Gefühl tiefer Erschöpfung. Ganz wichtig: Gefühle wie Angst sind zunächst einmal eine natürliche Reaktion auf eine als bedrohlich empfundene Situation. Bedenklich wird es erst, wenn sie und ihre Begleitsymptome über mehrere Wochen anhalten und anfangen das Leben bestimmen.3

Depressionen haben kein einheitliches Krankheitsbild

Bei einigen Patienten sind Ängste sowie die andauernde traurige Stimmung so intensiv, dass sich daraus eine eigenständige Erkrankung wie eine Depression entwickelt.2 Das besondere bei Depressionen ist, dass es kein einheitliches Krankheitsbild gibt und sie sich bei jedem Patienten anders äußern. Diese Eigenschaften machen es schwierig, die Krankheit zu diagnostizieren. In vielen Fällen bleiben Depressionen deshalb längere Zeit unbemerkt. Das liegt auch daran, dass Symptome, die auch auf eine Depressionen hindeuten können, wie Niedergeschlagenheit, Antriebsschwäche oder Zukunftsängste, gerade bei Krebspatienten häufig mit der krankheitsbedingten schwierigen Lebenssituation in Zusammenhang gebracht werden. Bei einer Depression handelt es sich jedoch um eine ernsthafte Erkrankung des zentralen Nervensystems, die einer Behandlung bedarf.2

Depressionen können die Lebensqualität verschlechtern

Eine Depression stellt für Krebspatienten eine zusätzliche Belastung dar und kann sich negativ auf die Krankheitsbewältigung auswirken. Aufgrund ihrer vielschichtigen seelischen und körperlichen Symptome verschlechtern Depressionen die Lebensqualität bei Krebspatienten deutlich.1 Hinzu kommt, dass es depressiven Krebspatienten schwerfällt, sich genau an die Therapiean-weisungen des Arztes zu halten. Dadurch kann der Erfolg der Krebsbehandlung beeinträchtigt werden – ein Aspekt, der sich negativ auf Lebensqualität und Stimmungslage auswirken kann.2 Außerdem haben depressive Krebspatienten eine geringe Therapiebereitschaft, was Behandlungsabbrüche nach sich ziehen kann. All diese Faktoren können sich negativ auf die Prognose der Krebserkrankung auswirken.1

Erhält der Patient keine professionelle Unterstützung – beispielsweise in Form einer psychoonkologischen Betreuung – kann unabhängig von Verlauf und Therapie der Krebserkrankung ein starker Leidensdruck entstehen.2 Die gute Nachricht ist, dass sich die Symptome einer Depression in der Regel gut behandeln lassen und eine bestmögliche Therapie die Lebensqualität der betroffenen Patienten deutlich verbessern kann.1

Diagnose von Depressionen nicht einfach

Der erste Schritt zur Behandlung einer Depression ist die Diagnose, der ein ausführliches und offenes Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten vorausgeht. Allerdings haben viele Patienten Probleme damit, über seelische Nöte zu sprechen – während es ihnen deutlich leichter fällt, körperliche Beschwerden zu beschreiben. Damit für so eine komplexe Erkrankung wie eine Depression eine möglichst eindeutige Diagnose gestellt werden kann, wurde ein international einheitlicher Katalog der Haupt- und Zusatzsymptome entwickelt. Liegt ein Verdacht auf eine Depression vor, wird der Betroffene zu den einzelnen dort aufgeführten Symptomen befragt. Zu den Hauptsymptomen gehören ein anhaltendes Stimmungstief, der Verlust an Lebensfreude und Antriebsschwäche. Die seelischen Begleiterscheinungen einer Depression umfassen Angstzustände, Hoffnungslosigkeit oder Konzentrationsschwäche. Hinzu kommen etliche körperliche Symptome, die auf eine Depression hinweisen können. Das sind beispielweise die schon erwähnten Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit, Kopf- und Rückenschmerzen, Herzprobleme, Kreislaufbeschwerden oder Appetitlosigkeit. „Können Sie keine richtige Freude mehr empfinden?“ gilt als eine der Schlüsselfragen zur Diagnostik der Depression. 2

Hauptelement der Behandlung sind psychotherapeutische Verfahren und eine medikamentöse Therapie

Es gibt mehrere Wege, eine Depression zu behandeln. Die Hauptelemente bilden psychotherapeutische Verfahren und eine medikamentöse Therapie. Auf welche dieser beiden Säulen der Behandlungsschwerpunkt liegt oder ob beide Verfahren kombiniert werden, richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Darüber hinaus können Patienten verschiedene ergänzende therapeutische Verfahren wahrnehmen, wie beispielsweise die Soziotherapie oder Entspannungs-verfahren.5 Bei der Soziotherapie geht es darum, die gesunden Ressourcen des Patienten anzuregen und ihn zur Selbsthilfe zu motivieren. Für depressive Krebspatienten könnte das beispielsweise bedeuten, dass sie lernen, wieder ohne fremde Unterstützung Verantwortung für ihre Therapietreue zu übernehmen und Arztbesuche wahrzunehmen.6 Entspannungsverfahren sind ein fester Baustein in der Behandlung psychischer Erkrankungen. Hierzu gehören autogenes Training oder progressive Muskelentspannung.7

Psychotherapeutische Verfahren können Symptome bessern

Mit psychotherapeutischen Verfahren können die Symptome einer Depression verringert werden. Allerdings hängt die Wirkung häufig davon ab, wie stark die Symptomatik ausgeprägt ist. Eine alleinige Psychotherapie reicht meist bei leichten oder mittelschweren Depressionen aus. Liegt eine schwere Depression vor, wird eine Psychotherapie in der Regel mit einem Medikament kombiniert. Die Psychotherapie dient als Hilfe zur Selbsthilfe – der Patient nimmt dabei eine aktive Rolle ein.8

Ein weiteres interessantes psychotherapeutisches Verfahren ist die kognitive Psychotherapie. Diese Therapieform wurde für die Behandlung depressiver Störungen bisher am besten untersucht und am eindeutigsten nachgewiesen. Bei einer kognitiven Therapie lernt der Patient, sich selbst zu beobachten und schließlich seine Denk- und Verhaltensmuster anders zu bewerten – indem er sich bewusst von negativen Gedanken wie beispielsweise „wenn jemand Metastasen entwickelt, dann sicher ich“ oder „das Gespräch mit dem Arzt wird bestimmt zu nichts führen“ distanziert, ein Problem positiv umdeutet oder eine schwierige Situation als Herausforderung betrachtet. Der Patient macht dabei die Erfahrung, dass er eingefahrene Denk- und Verhaltensweisen ändern kann. Erfolgt die kognitive Therapie gemeinsam mit einer Verhaltenstherapie (kognitive Verhaltenstherapie), steht unter anderem im Vordergrund, dass der Patient im Rollenspiel übt, wie er mit bestimmten alltäglichen Situationen und Problemen umgehen und seine eigenen Interessen vertreten kann. Er lernt beispielsweise, wie er mit seiner Familie darüber sprechen kann, wenn ihm etwas zu viel wird oder Kontakte wieder aufzunehmen, die er lange vernachlässigt hat.9

Bei psychoanalytisch begründeten Verfahren geht es darum, unbewusste Konflikte, die Ursache für eine Depression sein können, zu erkennen und zu verarbeiten. Diese Konflikte können sehr lange zurückliegen und beispielsweise in Erlebnissen der Kindheit oder im jungen Erwachsenenalter begründet sein. Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, den Patienten dabei zu unterstützen, die unbekannten Konflikte zu erkennen und diese bewusst zu machen. In der Therapie werden diese belastenden Erfahrungen wiederholt erinnert und durchlebt. Dieses Verfahren kann schließlich bewirken, dass sich die Beschwerden bessern beziehungsweise lindern.9

Laut Psychoonkologen ist die Gefahr, dass negative Gefühle wie Ängste überhand nehmen, umso geringer, je früher der Patient unterstützt wird.10 Der Krebsinformationsdienst verfügt über eine Suchfunktion nach psychozialen Krebsberatungsstellen. Unter dieser Rubrik können Patienten und ihre Angehörigen Beratungsstellen in der Nähe ihres Wohnortes finden.

Patienten mit Krebs, die eine längerfristige psychotherapeutische Behandlung wünschen, wenden sich an einen ambulanten Therapeuten. Eine Suchfunktion nach Wohnort findet sich in der Rubrik „Psychotherapie bei Krebs“ des Krebsinformationsdienstes. Hierbei ist neben der psychoonkologischen Qualifikation auch angegeben, welche der psychotherapeutischen Verfahren angeboten werden und ob die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.



Literatur


1. Neurologen und Psychiater im Netz: Depressionsbehandlung verbessert Lebensqualität bei Krebserkrankung deutlich

2. BVG: Depressionen bei Krebserkrankungen

3. Krebsgesellschaft: Angst und Depression

4. A. Roth et al. Future Oncology. Prostate Cancer: Quality of Life, Psychosocial Implications and Treatment Choices. 2008

5. Neurologen und Psychiater im Netz: Therapieoptionen bei psychischen Störungen und Erkrankungen

6. Neurologen und Psychiater im Netzt: Soziotherapie

7. Neurologen und Psychiater im Netzt: Entspannungsverfahren

8. Unipolare Depression Patientenleitlinie zur S3-Leitlinie

9. Neurologen und Psychiater im Netz: Psychotherapeutische Verfahren

10. Eva Berendsen, Wenn sich der Krebs sich durch die Seele frisst, FAZ, 28. September 2013