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Musiktherapie für Krebspatienten

Musiktherapie für Krebspatienten

Das Leben mit einer Krebserkrankung bringt die unterschiedlichsten Gefühle und Stimmungen mit sich. Das gilt auch für Patienten mit Prostatakrebs, die Angst davor haben, dass die Erkrankung weiter voranschreitet und sich Metastasen bilden können. Denn diese Komplikation geht meist mit einer deutlichen Abnahme der Lebensqualität einher. Vielen Patienten fällt es schwer, damit umzugehen. Musiktherapie eröffnet die Möglichkeit, sich mithilfe von Klängen in einer ganzheitlichen Weise wahrzunehmen und auszudrücken. Welche Wirkung Klänge auf den Menschen haben und was die Musiktherapie für Krebspatienten leisten kann, stellen wir in diesem Beitrag vor.

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Musik wirkt. Deshalb wird sie therapeutisch genutzt. In Deutschland gibt es ungefähr 3.000 Musiktherapeuten – die meisten von ihnen haben ihre Qualifikation als Zusatzstudium erworben. Musiktherapie wird an Hochschulen gelehrt und hat sich dort als gesundheitswissenschaftliches Fach etabliert.1

Eine Musiktherapie unterstützt Krebspatienten beim Umgang mit der Krankheit

Nach der Diagnose Krebs fühlen sich die meisten Patienten alleine gelassen. Vor allem, da im Krankenhaus medizinische Aspekte wie Diagnose und Behandlung im Vordergrund stehen.1 Viele Patienten entwickeln Ängste vor dem Voranschreiten der Erkrankung. Beim Prostatakrebs ist das Voranschreiten der Erkrankung beispielsweise mit der Entstehung von Knochenmetastasen verbunden und da diese häufig mit Symptomen und einer deutlichen Verschlechterung der Lebensqualität einhergehen,2 ist der Arztbesuch für diese Patienten häufig mit großer Anspannung und Stress verbunden.

Eine Musiktherapie kann Krebspatienten dabei unterstützen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Musik beeinflusst fast alle Bereiche des Gehirns. Sie wirkt sich auf Emotionen aus und spielt in der Geschichte der Menschheit und allen Kulturen eine wichtige Rolle. Ein Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bestätigte jetzt, dass sich bei Krebspatienten eine Musiktherapie positiv auf die seelischen Begleitsymptome wie Angst, Stress, Anspannung, Abgeschlagenheit und Stimmungsschwankungen auswirken kann. Und es gibt Hinweise, dass sich das Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern. Allerdings hält die Wirkung oft nur kurze Zeit nach der Therapiesitzung an.3

Starker Anreiz für die Formbarkeit des Gehirns

Dass Musik ein so großes Potenzial besitzt, hängt unter anderem damit zusammen, dass sie als eine der stärksten Anreize für die Neuroplastizität – die Formbarkeit – des Gehirns gilt. Lernt ein Mensch ein neues Instrument, reagiert das Gehirn sofort. Bereits nach 20 Minuten haben sich im Gehirn neue Netzwerke gebildet. Musizierenden Kindern fällt es leichter, eine Fremdsprache zu lernen und Musiker können sich besser konzentrieren. Vor allem aber: Musik macht glücklich – und das nicht nur beim aktiven Musizieren, sondern auch beim Anhören von Musikstücken. Denn dann entsteht im Gehirn ein Feuerwerk von Neuronen. Neben dem Hörzentrum werden auch andere Areale stimuliert, wie Bereiche für das Sehen oder das räumliche Denken. Fast jeder kennt das: Hört man Musik, die mit einer bestimmten Situation assoziiert ist, wie eine unvergessliche Reise, ziehen vor dem inneren Auge entsprechende Bilder vorbei. Plötzlich taucht der Sonnenuntergang am Stand auf. Es ist fast so, als spüre man den Sand unter den Füßen und die erfrischende Brise des Meeres. Das ist noch nicht alles: Die angenehmen Erinnerungen wirken sich auch positiv auf den Hormonhaushalt aus. Das hat zur Folge, dass der Körper Glücks- und Bindungshormone ausschüttet. Untersuchungen zeigen, dass Musikgenuss die Abwehrstoffe im Blut erhöhen und das Immunsystem anregen kann.4 Außerdem ermöglicht eine Musiktherapie den Patienten einen direkten Zugang zu Gefühlen. Das Musizieren setzt kreative Potenziale frei, verdrängte Gefühle können ausgelebt und Änderungsprozesse eingeleitet werden.5 Dieses Potenzial macht sich die Musiktherapie zunutze.

Musik ruft Gefühle hervor

Krebspatienten werden zwei Methoden der Musiktherapie angeboten – dabei arbeiten Musiktherapeuten gemäß Ausbildung und des allgemeinen Berufsbildes auf psychotherapeutischer Basis: Bei der aktiven Musiktherapie wird mit einfachen Instrumenten verschiedener Kulturkreise – wie Trommeln, Flöten oder Banjo – gearbeitet. Indem Patienten damit experimentieren und improvisieren, erleben sie, wie die Musik bei ihnen Erinnerungen und Gefühle hervorruft. Sie entdecken ihre Kreativität. Die Musik hilft ihnen, sich emotional und körperlich lebendig zu fühlen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Bei der rezeptiven Musiktherapie steht das aktive Hören von Musik im Vordergrund. Hier geht der Musiktherapeut individuell mit frei improvisierten oder komponierten Stücken auf die Situation des Patienten ein. Das Anhören von Musik, beispielsweise von einer CD, ist ein weiterer Baustein der rezeptiven Musiktherapie.5

Jeder Mensch ist musikalisch

Manche Menschen schätzen sich selbst als unmusikalisch ein – eine Annahme, die in der Regel nicht stimmt. Bis auf Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen, sind alle Menschen musikalisch. Das zeigt sich auch daran, dass jeder einfache Melodien von einem anderen Grundton beginnend nachsingen kann. Außerdem ist das musikalische Gedächtnis oft deutlich besser als man selbst meint.6

Mit fröhlicher Musik gegen den Stress

Forscher fanden heraus, dass fröhliche Musikstücke wie zum Beispiel das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischen Konzert oder eine irische Tanzmusik dazu führt, dass die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut sinkt.6 Patienten könnten beruhigende Musik hören, um Ängste oder Nervosität vor Untersuchungen oder Behandlungen abzubauen. Oder in Absprache mit dem behandelnden Arzt auch während einer Therapie, wie zum Beispiel einer Infusion, über Kopfhörer.

Britische Wissenschaftler des Forschungsinstituts Mindlab International konnten zeigen, dass der Song „Weightless“ von Marconi Union innere Unruhe, Ängste und Zweifel um mehr als die Hälfte verringert (65%). Bei „Weightless“ handelt es sich um einen atmosphärischen Elektro-Synth-Sound – der ausschließlich für den Zweck komponiert wurde, Stress zu senken. Allerdings sollte aufgrund der entspannenden Wirkung das Lied nicht beim Autofahren gehört werden.7

Patienten, die sich für Musiktherapie interessieren, können hier einen Musiktherapeuten in ihrer Nähe finden.

Musiktherapeuten arbeiten meist in Kliniken. Sie sind unter anderem in medizinischen Fachgesellschaften für Psychiatrie, Neurologie und Psychosomatik gut integriert und häufig in interdisziplinären Teams verankert. Allerdings werden die Kosten für die Musiktherapie aktuell nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.8



Literatur


1. Brigitte Neumann, Musiktherapie: „Und da begriff er: Das ist Angst“, Dtsch Arztebl 2011; 108(27): A-1524/B-1290/C-1286

2. A. Roth et al. Future Oncology. Prostate Cancer: Quality of Life, Psychosocial Implications and Treatment Choices. 2008

3. IQWiG: Musiktherapie kann Krebspatienten helfen

4. Wiebke Hollersen, Warum Musik unserem Gehirn so guttut, Die Welt, 29. März 2016

5. Musiktherapie in der Onkologie

6. Birgit Herden, Die Macht der Musik, Die Zeit, 6. Dezember 2011, editiert am 28. September 2017

7. Till Eckert, Dieses Lied senkt deinen Stress um mehr als die Hälfte – sofort, ze.tt, 2. Januar 2017

8. Ulrike Abel-Wanek, Der gute Ton, DAZ, 24. Januar 2018